Verhalten wissenschaftlich betrachtet

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Warum ein Hund ein bestimmtes Verhalten zeigt, kann aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden. Genau das macht Verhalten so komplex – und für Hundetrainer so spannend.

Ein und dasselbe Verhalten kann mit körperlichen Vorgängen zusammenhängen, durch vorherige Erfahrungen beeinflusst worden sein, sich im Laufe der Entwicklung verändert haben oder unter bestimmten Umweltbedingungen wahrscheinlicher auftreten. Gleichzeitig besitzt Verhalten eine stammesgeschichtliche Vergangenheit und kann im Verlauf der Evolution einer Art von Bedeutung gewesen sein.

Eine einzelne Erklärung reicht deshalb häufig nicht aus, um Verhalten zu verstehen. Zunächst wollen wir uns aber anschauen, worauf wir beim Beobachten und Beschreiben von Verhalten achten müssen.

Verhalten aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven

Die Frage, warum ein Tier tut, was es tut (oder auch nicht), lässt sich nicht aus einer einzigen wissenschaftlichen Perspektive beantworten.

Mit Verhalten beschäftigen sich unter anderem die Ethologie bzw. Verhaltensbiologie, Verhaltensökologie, Evolutionsbiologie, Genetik, Neurobiologie, Physiologie, Endokrinologie, Psychologie und Kognitionsforschung. Je nach Fragestellung kommen weitere Fachgebiete hinzu.

Für Hundetrainer ist das wichtig. Ein Verhalten kann beispielsweise physiologisch erklärt werden, eine Lerngeschichte besitzen, von aktuellen Umweltbedingungen beeinflusst werden und gleichzeitig eine evolutionäre Geschichte haben. Diese Erklärungen schließen sich nicht gegenseitig aus.

Das bedeutet aber auch, die Grenzen des eigenen Fachgebietes zu erkennen. Verhalten kann durch Erkrankungen, Schmerzen oder andere körperliche Veränderungen beeinflusst werden. Bei auffälligem oder verändertem Verhalten kann deshalb die Zusammenarbeit mit Fachleuten anderer Bereiche notwendig sein. Dazu gehört insbesondere die tierärztliche Abklärung möglicher medizinischer Ursachen.

Ganzheitliches Arbeiten bedeutet also nicht, für alles selbst zuständig zu sein. Es bedeutet auch zu erkennen, wann andere Fachdisziplinen Teil der Beurteilung sein müssen.

Vier Fragen an ein Verhalten – Tinbergen

Der Verhaltensbiologe Nikolaas Tinbergen unterschied vier grundlegende Forschungsbereiche, aus denen Verhalten betrachtet werden kann: Verursachung, Ontogenese, Überlebenswert bzw. Funktion und Evolution.

Vereinfacht können wir für unsere Arbeit vier Fragen stellen:

Wodurch? – Verursachung

Welche vorausgehenden inneren und äußeren Vorgänge tragen dazu bei, dass dieses Verhalten jetzt auftritt?

Hier betrachten wir beispielsweise aktuelle Umweltreize und soziale Situationen, aber auch körperliche und physiologische Vorgänge.

Wie entwickelt es sich? – Ontogenese

Wie entsteht und verändert sich dieses Verhalten im Laufe des individuellen Lebens?

Hier spielen unter anderem Reifung, Erfahrungen, Lernen und die Bedingungen eine Rolle, unter denen ein Hund aufwächst und lebt.

Wozu? – Überlebenswert/Funktion

Welche Folgen hat ein Verhalten und welchen Beitrag können diese Folgen für Überleben und Fortpflanzung leisten?

Dabei ist mit „wozu“ nicht gemeint, dass der Hund bewusst einen Zweck verfolgt. Wir betrachten die möglichen biologischen Konsequenzen bzw. Funktionen eines Verhaltens.

Woher? – Evolution/Stammesgeschichte

Wie ist ein Verhalten im Verlauf der Evolution entstanden und verändert worden?

Hier betrachten wir Verhalten über Generationen hinweg und fragen nach seiner stammesgeschichtlichen Entwicklung.

Die heute häufig verwendete Zusammenfassung in „Wie?“ und „Warum?“ ist eine nachträgliche didaktische Ordnung. Tinbergen selbst unterschied konkreter diese vier Forschungsprobleme.

Wichtig ist außerdem, Funktion und Evolution bzw. natürliche Selektion nicht gleichzusetzen. Wir können untersuchen, welche Funktion oder Konsequenzen ein Verhalten heute besitzt. Daraus können wir jedoch nicht automatisch ableiten, welcher Selektionsdruck in der Vergangenheit für seine Entstehung verantwortlich war.

Verhalten, Selektion und biologische Fitness

Verhalten kann beeinflussen, ob ein Individuum beispielsweise Ressourcen findet, Gefahren vermeidet, soziale Beziehungen gestaltet oder sich erfolgreich fortpflanzt. Dadurch kann Verhalten mit der biologischen Fitness eines Individuums zusammenhängen.

Biologische Fitness beschreibt in diesem Zusammenhang vereinfacht den Beitrag eines Individuums zur Weitergabe seiner Gene an nachfolgende Generationen.

Unterscheiden sich Individuen in verhaltensrelevanten Merkmalen, besitzen diese Unterschiede eine erbliche Komponente und beeinflussen sie den Fortpflanzungserfolg, können sie der natürlichen oder sexuellen Selektionunterliegen.

Über viele Generationen können sich dadurch Verhaltensmerkmale und Verhaltensstrategien innerhalb einer Population verändern.

„Strategie“ bedeutet dabei nicht, dass ein Hund bewusst einen Plan entwickelt. In der Verhaltensökologie beschreibt der Begriff Verhaltensalternativen bzw. Muster, deren Kosten und Nutzen sich unter unterschiedlichen Bedingungen unterscheiden können.

Das hilft uns auch dabei, Verhalten nicht vorschnell moralisch zu bewerten. Ein Verhalten kann für den Menschen unerwünscht oder problematisch sein und für den Hund dennoch unter bestimmten Bedingungen eine nachvollziehbare Konsequenz besitzen.

Auch unsere Haushunde sind kein abgeschlossenes biologisches Produkt. Populationen können sich über Generationen weiter verändern. Gleichzeitig führt die Zugehörigkeit zu einer Rasse nicht dazu, dass jedes Individuum dieselben Eigenschaften oder Verhaltensweisen zeigen muss. Der einzelne Hund bleibt ein Individuum.

Angeboren oder erworben?

Lange wurde Verhalten häufig danach eingeteilt, ob es angeboren oder erworben sei. Eine strikte Trennung dieser beiden Kategorien greift nach heutigem Verständnis jedoch zu kurz.

Verhalten entwickelt sich im Zusammenspiel biologischer Voraussetzungen und individueller Entwicklung.

Gene können Voraussetzungen, Reaktionsmöglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten beeinflussen. Sie schreiben einem Hund jedoch nicht einfach ein fertiges Verhalten vor. Gleichzeitig wirkt die Umwelt nicht auf einen biologisch „leeren“ Organismus ein.

Auch Lernen beginnt nicht erst dort, wo „angeborenes Verhalten“ endet.

Für uns ist deshalb eine andere Frage wesentlich hilfreicher:

Welche biologischen Voraussetzungen bringt ein Hund mit – und wie entwickeln sich diese unter seinen individuellen Entwicklungs- und Umweltbedingungen?

Historische Begriffe wie Instinkt, Appetenzverhalten, Erbkoordination oder Trieb gehören zur Geschichte der Verhaltensbiologie und begegnen uns bis heute in Hundeliteratur und Hundetraining. Deshalb müssen angehende Hundetrainer diese Begriffe kennen und einordnen können. Wir werden jedoch noch genauer betrachten, warum einige dieser historischen Vorstellungen heute nicht mehr als ausreichende Erklärung von Verhalten gelten.

Welche Rolle Gene, Epigenetik, vorgeburtliche Einflüsse, Ernährung, Sozialisation, Erfahrungen und Umwelt bei der individuellen Entwicklung eines Hundes spielen, schauen wir uns im nächsten Kapitel ausführlicher an.


Beobachten, bevor wir erklären

So wichtig unser Wissen über Verhalten ist: Bei der Arbeit mit einem konkreten Hund beginnt alles zunächst mit einer Beobachtung.

Ein Hund leckt sich über die Nase.

Was bedeutet das?

Zunächst einmal nur:

Der Hund leckt sich über die Nase.

Ob dieses Verhalten beispielsweise im Zusammenhang mit Futteraufnahme, einer sozialen Interaktion, körperlichem Unwohlsein oder einer Veränderung seines Erregungszustandes steht, können wir aus dieser einzelnen Beobachtung nicht zuverlässig ableiten.

Genau hier liegt eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Hundetrainers:

Beobachtung und Interpretation voneinander unterscheiden.

Wir sehen zunächst Verhalten. Innere Zustände wie Emotionen oder Motivation können wir nicht unmittelbar beobachten. Wir können jedoch anhand wiederkehrender Zusammenhänge, weiterer Verhaltensweisen, experimenteller Untersuchungen, physiologischer Messungen und anderer Informationen begründete Hypothesen darüber entwickeln.

Ein Verhalten allein verrät uns deshalb in der Regel noch nicht, warum ein Hund es zeigt.

Um Verhalten einordnen zu können, müssen wir genauer hinsehen:

Was geschah vorher? Was geschieht gleichzeitig? Welche weiteren Verhaltensweisen zeigt der Hund? In welcher Umwelt befindet er sich? Wer ist anwesend? Was geschieht anschließend? Und tritt dieses Verhalten unter vergleichbaren Bedingungen wiederholt auf?

Verhalten steht nicht isoliert im Raum. Es findet in einem zeitlichen, körperlichen, sozialen und räumlichen Kontextstatt.

Dabei können äußere Faktoren ebenso eine Rolle spielen wie Vorgänge innerhalb des Hundes. Zu den möglichen Einflussgrößen gehören beispielsweise genetische Voraussetzungen, Entwicklungsstand und Lernerfahrungen, körperliche Voraussetzungen und Erkrankungen, hormonelle und andere physiologische Prozesse, Emotionen, Stress und Erregung, Bedürfnisse sowie die aktuelle soziale und physische Umwelt.

Das bedeutet aber ausdrücklich nicht:

„Wenn ein Hund X macht, empfindet er Y.“

Eine solche Schlussfolgerung wäre zu kurz gegriffen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse bilden deshalb das Fundament unserer Arbeit. Gleichzeitig werden wir im Hundetraining nicht für jede individuelle Situation eine wissenschaftliche Untersuchung finden. Hundetraining ist angewandte Arbeit am Individuum. Systematische Beobachtung, fachliche Erfahrung und Empirie ergänzen wissenschaftliche Erkenntnisse. Je fitter wir jedoch sind im Erkennen von Verhalten und das in Kontext setzen von Verhalten – gepaart mit dem Wissen, was aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen hervorgeht – wie z.B. Ursache, Wahrscheinlichkeit und Zweck eines Verhaltens, um so präziser können wir das Training gestalten.

Entscheidend ist, dass wir unterscheiden können:

Was wissen wir? Was beobachten wir? Und was vermuten wir aufgrund unserer Beobachtungen?

Verhalten neutral beschreiben

Bevor wir Verhalten erklären, müssen wir es möglichst neutral beschreiben.

Aussagen wie:

„Der Hund ist dominant.“

„Der Hund ist aggressiv.“

„Der Hund ist eifersüchtig.“

„Der Hund will mich kontrollieren.“

sind keine neutralen Verhaltensbeschreibungen. Sie enthalten bereits eine Interpretation.

Eine Beobachtung könnte dagegen lauten:

„Als sich der zweite Hund auf etwa zwei Meter näherte, versteifte der Hund seinen Körper, schloss das Maul, verlagerte sein Gewicht nach vorne, blickte in Richtung des anderen Hundes und knurrte für ungefähr drei Sekunden.“

Jetzt haben wir beschrieben, was tatsächlich beobachtet wurde, ohne dem Hund bereits eine Absicht oder einen inneren Zustand zuzuschreiben.

Und Verhalten lässt sich noch genauer erfassen.

Latenz

Wie viel Zeit vergeht zwischen einem definierten Ereignis und dem Auftreten eines Verhaltens?

Häufigkeit bzw. Frequenz

Wie oft tritt ein Verhalten innerhalb eines bestimmten Zeitraums oder einer bestimmten Anzahl vergleichbarer Situationen auf?

Dauer

Wie lange wird ein Verhalten gezeigt?

Intensität

Wie stark wird ein Verhalten ausgeführt?

Gerade bei der Intensität müssen wir möglichst vorher festlegen, an welchen beobachtbaren Merkmalen unterschiedliche Intensitätsstufen erkannt werden sollen. Ansonsten wird aus einer vermeintlichen Messung schnell wieder eine subjektive Einschätzung.

Latenz, Häufigkeit, Dauer und Intensität erklären uns noch nicht, warum ein Hund etwas tut. Sie helfen uns aber, Verhalten genauer, vergleichbarer und überprüfbarer zu beschreiben.

Vom einzelnen Verhalten zum Muster

Ein einzelnes Verhalten besitzt häufig nur eine begrenzte Aussagekraft. Interessant werden deshalb Verhaltensabfolgen, wiederkehrende Kombinationen und Zusammenhänge mit bestimmten Situationen.

Wir fragen also nicht nur:

Was macht der Hund?

Sondern beispielsweise:

Wann tritt das Verhalten auf?

Wo tritt es auf?

Gegenüber wem tritt es auf?

Was geschieht unmittelbar vorher?

Welche weiteren Verhaltensweisen treten gleichzeitig oder anschließend auf?

Wie häufig, wie lange und wie intensiv wird es gezeigt?

Unter welchen Bedingungen tritt es nicht auf?

Werden solche Beobachtungen systematisch gesammelt, können Muster sichtbar werden.

Dabei müssen wir allerdings eine wichtige Unterscheidung treffen:

Wiederholtes gemeinsames Auftreten zeigt zunächst einen Zusammenhang – noch keine Kausalität.

Wenn ein Verhalten regelmäßig unter bestimmten Bedingungen auftritt, können wir daraus eine Hypothese entwickeln. Dass zwei Ereignisse wiederholt gemeinsam auftreten, beweist jedoch noch nicht, dass das eine das andere verursacht.

Genau hier beginnt der Übergang vom bloßen Anschauen eines Hundes zur systematischen Verhaltensbeobachtung.


INFOBOX | Ethogramm

Ein Ethogramm ist ein möglichst klar definierter Katalog beobachtbarer Verhaltensweisen eines Tieres bzw. einer Tierart.

Dabei wird festgelegt, welches beobachtbare Verhalten unter welcher Bezeichnung erfasst wird.

Das Ethogramm bildet damit eine Grundlage dafür, Verhalten systematisch zu dokumentieren und beispielsweise Häufigkeiten, Dauer oder zeitliche Abfolgen miteinander vergleichen zu können.

Für unsere Arbeit bedeutet das nicht, dass wir bei jedem Kundenhund ein vollständiges wissenschaftliches Ethogramm erstellen müssen.

Das Prinzip dahinter ist für Hundetrainer jedoch ausgesprochen hilfreich:

Erst festlegen, was wir tatsächlich beobachten – dann dokumentieren, vergleichen und interpretieren.


INFOBOX | Soziogramm

Ein Soziogramm stellt soziale Beziehungen bzw. Interaktionen innerhalb einer Gruppe dar.

Wer interagiert mit wem? Wer sucht wessen Nähe? Wer weicht wem aus? Zwischen welchen Individuen treten bestimmte Interaktionen besonders häufig auf?

Dieses Prinzip kann für Hundetrainer beispielsweise bei Mehrhundehaushalten interessant sein.

Statt vorschnell festzustellen:

„Hund A ist der Chef.“

fragen wir:

Welche Interaktionen beobachten wir zwischen Hund A und Hund B – und verändern diese sich abhängig von Situation, Ressource oder Kontext?

Das wird später noch wichtig, wenn wir uns mit Dominanz, sozialen Beziehungen und Sozialverhalten beschäftigen.


INFOBOX | Aktogramm

Ein Aktogramm stellt Aktivität über die Zeit dar.

Wann ist ein Tier aktiv? Wann ruht es? Gibt es wiederkehrende Tagesmuster oder Veränderungen dieser Muster?

Auch ein Aktogramm muss im Hundetraining nicht unter wissenschaftlichen Bedingungen erstellt werden. Das Prinzip kann aber im Alltag ausgesprochen nützlich sein.

Ein Halter berichtet beispielsweise:

„Mein Hund kommt überhaupt nicht zur Ruhe.“

Statt ausschließlich mit dieser gefühlten Einschätzung zu arbeiten, können wir ihn bitten, über mehrere Tage zu notieren:

Wann und wie lange schläft, döst, ruht, läuft oder beschäftigt sich der Hund tatsächlich?

So können subjektive Eindrücke durch systematischere Beobachtungen ergänzt werden.


Was bedeutet das für deine Arbeit als Hundetrainer?

Wenn ein Halter sagt:

„Mein Hund macht das, weil …“

ist unsere erste Aufgabe nicht, ihm zu widersprechen.

Unsere erste Aufgabe ist herauszufinden:

Was genau macht der Hund?

Danach sammeln wir die Umstände:

Was geschieht vorher? Was gleichzeitig? Was danach? In welchem Kontext? Wie häufig? Wie lange? Wie intensiv? Seit wann? Gegenüber wem? Und unter welchen Bedingungen tritt das Verhalten nicht auf?

Erst daraus können Hypothesen darüber entstehen, wodurch das Verhalten beeinflusst wird und welche Funktion es im konkreten Zusammenhang haben könnte.

Dabei dürfen wissenschaftliche Erkenntnisse, systematische Beobachtung und praktische Erfahrung gemeinsam in unsere Einschätzung einfließen. Wir sollten aber jederzeit erkennen können, welcher Teil unserer Einschätzung auf gesichertem Wissen, welcher auf konkreter Beobachtung und welcher auf einer Hypothese beruht. Dabei bedienen wir uns bekanntem Wissen aus dem Kommunikationsverhalten von Hunden, welches auf diese Schritte wissenschaftlich basiert ermittelt worden ist.