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Um die Abstammung des Haushundes zu verstehen, müssen wir zunächst etwas weiter zurückgehen.
Der Haushund gehört zu den Säugetieren (Mammalia) und innerhalb dieser zur Ordnung der Raubtiere (Carnivora).
Die Ordnung Carnivora teilte sich stammesgeschichtlich in zwei große Linien:
Caniformia – die Hundeartigen
und
Feliformia – die Katzenartigen.
Diese Aufspaltung liegt ungefähr 50 Millionen Jahre zurück. Die Familie der eigentlichen Hundeartigen, der Canidae, entstand später. Die fossile Überlieferung weist Caniden im späten Eozän Nordamerikas vor ungefähr 37–40 Millionen Jahren nach.
Innerhalb der Familie Canidae werden drei große Unterfamilien unterschieden:
Hesperocyoninae – ausgestorben
Borophaginae – ausgestorben
Caninae – die einzige bis heute überlebende Linie.
Zu den Caninae gehören die heutigen Hunde, Wölfe, Kojoten, Schakale, Füchse und weitere Caniden.

Evolution der Caniden – von frühen Hundeartigen zu Canis
Eine der frühesten gut dokumentierten Gattungen innerhalb der Caniden ist Hesperocyon.
Hesperocyon lebte ungefähr vor 42,5 bis 31 Millionen Jahren in Nordamerika. Wichtig ist dabei eine häufige begriffliche Verwechslung:
Hesperocyon war kein früher Vertreter der Gattung Canis. Er gehörte zur eigenständigen, heute vollständig ausgestorbenen Unterfamilie der Hesperocyoninae.
Neben den Hesperocyoninae entwickelte sich in Nordamerika eine weitere erfolgreiche Gruppe: die Borophaginae, die teilweise als „Hyänenhunde“ bezeichnet werden. Auch diese Linie starb vollständig aus.
Übrig blieb die dritte große Linie: die Caninae. Aus ihr entwickelten sich schließlich die heutigen Caniden.
Die Gattung Canis selbst ist erheblich jünger als die Familie Canidae. Ihre frühesten Vertreter entstanden wahrscheinlich vor ungefähr 6–6,5 Millionen Jahren in Nordamerika. Die ausgestorbene Gattung Eucyon steht an der Basis dieser Entwicklung und gilt nach paläontologischen Befunden als Ausgangslinie früher Canis-Vertreter.
Caniden blieben nicht auf Nordamerika beschränkt.
Über Landverbindungen im Bereich der heutigen Beringstraße gelangten Vertreter der Caninae nach Eurasien. Solche Wanderungsbewegungen trugen wesentlich zur späteren Verbreitung und Diversifizierung der Hundeartigen bei.
Heute umfasst die Familie Canidae nur noch einen Bruchteil ihrer früheren evolutionären Vielfalt und innerhalb dieser Familie gelangen wir schließlich zu der Tierart, die für unsere weitere Geschichte entscheidend wird:
dem Grauwolf – Canis lupus.
Der Wolf – eine Art mit großer Vielfalt
Wenn wir über die Abstammung des Hundes sprechen, müssen wir zunächst mit einer weiteren verbreiteten Vorstellung aufräumen: Zur Gattung Canis gehört heutzutage nicht nur der Wolf und der Hund sei von ihm abstammend. Der heutige Haushund stammt nicht von einer heute lebenden Wolfspopulation ab. Vielmehr gehen die Hundelinie und die heutigen Grauwolfpopulationen auf frühere Wolfspopulationen zurück und haben sich seitdem auf unterschiedlichen evolutionären Wegen weiterentwickelt. Die konkrete pleistozäne Wolfspopulation, aus der die Hundelinie hervorging, konnte bislang nicht eindeutig identifiziert werden.
Und heute? Der Grauwolf (Canis lupus) ist eine Art, neben dem Haushund (Canis familiaris) von 8. In der aktuell von uns verwendeten taxonomischen Referenz, der Mammal Diversity Database, werden acht rezente Arten der Gattung Canis geführt. Dazu zählen sowohl Canis lupus (Grauwolf) als auch Canis familiaris (Haushund). Andere taxonomische Systeme führen den Haushund weiterhin als Canis lupus familiaris.
Und wiederum innerhalb der Art des Grauwolfs sind zahlreiche Unterarten beschrieben, wobei ihre genaue taxonomische Abgrenzung teilweise umstritten ist.
Schon innerhalb der Art Canis lupus finden wir erhebliche morphologische und ökologische Variation.
Zwischen verschiedenen Populationen und beschriebenen Unterarten des Grauwolfs bestehen erhebliche Unterschiede in Körpergröße, Körpermasse, Proportionen, Fell und weiteren Merkmalen. Der Arabische Wolf (Canis lupus arabs) gehört beispielsweise zu den kleineren beschriebenen Formen, während einige nordamerikanische Wolfspopulationen deutlich größere Körpermassen erreichen.
Schon hier lernen wir etwas Grundsätzliches: Variation ist der Normalzustand biologischer Populationen.
Mitglieder derselben Art sind keine Kopien voneinander. Sie unterscheiden sich in Genvarianten, Körpergröße, Morphologie, Physiologie und Verhalten. Diese Variation ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Selektion wirken und sich Populationen über Generationen verändern können. Gleichzeitig sollten wir vorsichtig sein, wenn Verhalten mit Aussagen wie „Das ist typisch für Wölfe, deshalb muss es beim Hund genauso sein“ erklärt wird. Gemeinsame Abstammung bedeutet nicht, dass unterschiedliche evolutionäre Linien in Verhalten, Ökologie und Sozialstruktur unverändert geblieben sind.
Deshalb sollten wir vorsichtig sein, wenn Verhalten mit Aussagen wie „Das ist typisch für Wölfe, deshalb muss es beim Hund genauso sein“ erklärt wird. Gemeinsame Abstammung bedeutet nicht, dass zwei evolutionäre Linien in Verhalten, Ökologie oder Sozialstruktur unverändert geblieben sind. Populationen verändern sich unter unterschiedlichen Selektionsbedingungen. Genau diese Variation bildet eine wesentliche Grundlage evolutionärer Anpassung.

Von welchem Wolf stammt unser Hund?
Genomische Untersuchungen zeigen, dass alle heutigen Hunde eine gemeinsame Abstammung besitzen, die sich von heutigen Wolfspopulationen unterscheidet. Bereits vor rund 11.000 Jahren existierten mindestens fünf große genetische Hundelinien.
Eine umfangreiche Untersuchung von 72 alten Wolfsgenomen aus den vergangenen 100.000 Jahren zeigte 2022, dass Hunde insgesamt genetisch näher mit alten osteurasischen Wolfspopulationen verwandt sind als mit den untersuchten alten westeurasischen Wölfen.
Gleichzeitig tragen Hunde aus dem Nahen Osten und Afrika erhebliche Abstammungsanteile einer zweiten, mit südwest-eurasischen Wölfen verwandten Population.
Das ist die sogenannte duale Abstammungskomponente.
Aber hier kommt ein wissenschaftlich entscheidendes Detail:
Die Forscher konnten daraus nicht eindeutig ableiten, dass der Hund zweimal unabhängig domestiziert wurde.
Mindestens zwei Szenarien sind mit den Daten vereinbar:
Eine östliche und eine westliche Wolfspopulation könnten unabhängig domestiziert worden und später miteinander verschmolzen sein.
Oder eine Domestikation könnte zunächst aus einer östlichen Population erfolgt sein und die entstehenden Hunde könnten sich später mit westlichen Wolfspopulationen vermischt haben.
Die derzeitigen Daten können zwischen diesen Szenarien nicht abschließend unterscheiden.
Auch neuere Forschung zum ausgestorbenen Japanischen Wolf unterstreicht, dass die genaue Herkunft weiterhin nicht vollständig aufgelöst ist. Die Hundelinie wird weiterhin mit ausgestorbenen Wolfspopulationen in Verbindung gebracht; Zeitpunkt, Ort und genaue Zahl möglicher Domestikationsereignisse bleiben Gegenstand der Forschung.
Und danach waren Hund und Wolf vollständig getrennt?
Auch das wäre zu einfach.
Hunde und Wölfe können sich miteinander fortpflanzen und fruchtbare Nachkommen hervorbringen. Deshalb konnte es auch nach der Entstehung der Hundelinie immer wieder zu Genfluss kommen.
Hier hat sich der Forschungsstand zuletzt tatsächlich weiterentwickelt.
Eine große PNAS-Analyse von 2.693 alten und modernen Hunde- und Wolfsgenomen fand bei 64,1 % der untersuchten modernen Rassehunde geringe nachträgliche Wolfsanteile. Bei den untersuchten freilebenden Dorfhunden wurden solche Anteile in allen analysierten Genomen gefunden. Bei modernen Rassehunden lag der durchschnittliche Anteil dennoch sehr niedrig – ungefähr 0,14 % des Kerngenoms.
Das verändert nicht die grundsätzliche Aussage, dass Hunde genetisch eine deutlich erkennbare eigene Abstammungsgruppe bilden.
Es zeigt uns aber etwas sehr Schönes über Evolution:
Stammbäume sind in der Realität nicht immer sauber verzweigte Bäume. Populationen können sich trennen, wieder begegnen und Gene austauschen.
Bei Rassen wie dem Tschechoslowakischen Wolfhund und Saarlooswolfhund ist die Wolfsbeimischung dagegen wesentlich jünger und bewusst durch Kreuzung entstanden. Auch diese Tiere liegen genetisch erwartungsgemäß zwischen den entsprechenden Hunde- und Wolfspopulationen.
